Mit Mut, Empathie, Disziplin und Leidenschaft durch Krisen zum Erfolg: Unter diesem Leitgedanken stand die vierte Ausgabe von „initiativemeets“ am 17. September 2026 im Audimax der NORDAKADEMIE in Elmshorn. Gemeinsam mit zahlreichen Gästen aus Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft luden die Initiative Elmshorn und die NORDAKADEMIE zu einem außergewöhnlichen Abend ein.
Event: initiativemeets Nicola Winter
Veranstalter: Initiative Elmshorn
Ort: NORDAKADEMIE Audimax Campus Elmshorn
Datum: Elmshorn, 17. September 2026
Interviewer: Ado Nolte (NORDAKADEMIE Hochschule der Wirtschaft) und Alexander Matzkewitz (Agentur „Medienkapitän“ und Stadtblog „Wir sind Elmshorn“) im Auftrag der Initiative Elmshorn
Gast / Gesprächspartnerin: Nicola Winter
Redaktioneller Hinweis: Das Gespräch wurde für die schriftliche Veröffentlichung mit Hilfe von KI sprachlich geglättet, gekürzt und thematisch geordnet. Inhalt und Aussage wurden beibehalten.
Nicola Winter ist Pilotin, Ingenieurin, Hochschuldozentin für Notfall- und Krisenmanagement und Mitglied der ESA-Astronautenreserve. Vor ihrem Auftritt in Elmshorn sprach sie darüber, warum Beharrlichkeit häufig wichtiger ist als Talent, wie Entscheidungen unter Zeitdruck vorbereitet werden und weshalb eine offene Fehlerkultur echte Wertschätzung sein kann.
Nicola Winter
© Jörg Böh
initiativemeets: Viele Menschen träumen als Kinder davon, Astronautin oder Astronaut zu werden. Wann haben Sie erstmals gedacht: Das könnte wirklich mein Weg sein?
Nicola Winter: Eigentlich erst als ich 20 Jahre alt war. Als Kind ist es sehr leicht zu sagen: „Ich möchte Astronautin werden.“ Später konfrontiert uns die Realität, und als Erwachsene erlauben wir uns solche großen Visionen oft nicht mehr. Pilotin zu werden, erschien mir dagegen erreichbar.
An meiner Flugschule in Texas gab es eine Art „Hall of Fame“ berühmter Absolventinnen und Absolventen. Viele davon waren Astronauten. Rund die Hälfte der Astronautinnen und Astronauten waren zuvor Jetpiloten. Jeden Tag ging ich an diesen Bildern vorbei und dachte irgendwann: Eigentlich habe ich schon einen Teil des Weges geschafft. Dann habe ich mir erlaubt, dieses Ziel ernsthaft zu verfolgen.
initiativemeets: Dafür mussten Sie zunächst noch studieren?
Nicola Winter: Genau. Ich habe geprüft, welche Voraussetzungen ich erfüllen muss. Als klar war, dass ein Studium dazugehört, war für mich die Sache einfach: Auftrag verstanden, Hochschule gesucht und studiert.
initiativemeets: Wie gelingt der Spagat zwischen einem großen Traum und der notwendigen Disziplin?
Nicola Winter: Für mich ist das kein Gegensatz. Disziplin und konkretes Handeln sind der Weg zum Ziel. „Du musst es nur richtig wollen“ klingt, als reiche besonders intensives Wünschen. Entscheidend ist aber, den ersten notwendigen Schritt herauszufinden und ihn zu gehen. Man muss nicht jeden Tag 16 Stunden investieren und alles andere aufgeben. Aber man sollte kontinuierlich ein kleines Stück des großen Berges abtragen.
initiativemeets: Was zählt dabei mehr: Wissen, Talent oder Beharrlichkeit?
Nicola Winter: Das hängt vom Ziel ab, letztlich braucht man von allem etwas. Talent halte ich allerdings für den kleinsten Anteil. Beharrlichkeit, verbunden mit einer gewissen Gelassenheit, ist wichtiger. Rückschläge, schlechte Noten oder Umwege gehören dazu. Man sollte sich davon nicht sofort aus der Bahn werfen lassen. Entscheidend ist, dass die Entwicklung insgesamt in die richtige Richtung geht.
Talent hilft am Anfang, weil Fortschritte schneller sichtbar werden und etwas leichter Spaß macht. Den großen Unterschied macht aber das regelmäßige Üben. Ein hochbegabtes Kind wird ohne Training keine Spitzenleistung erreichen. Wer beharrlich die richtigen Schritte geht, kann auch geringeres Talent durch Arbeit ausgleichen.
von links nach rechts: Thorsten Stockfleth (Vorstandsvorsitzender der Initiative Elmshorn e.V.), Nicola Winter, Ado Nolte (NORDAKADEMIE Hochschule der Wirtschaft), Alexander Matzkewitz (Agentur „Medienkapitän“ und Stadtblog „Wir sind Elmshorn“), Anke Vogler (Vorstand der NORDAKADEMIE gAG) - © Jörg Böh
initiativemeets: Im Cockpit eines Jets müssen Entscheidungen in sehr kurzer Zeit fallen. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?
Nicola Winter: Dafür gibt es viele Methoden, aber keine schnelle Abkürzung. Nur weil wir schneller fliegen, denken wir nicht automatisch schneller. Wir lagern einen großen Teil der Denkarbeit nach vorn aus: Wir spielen Szenarien durch und überlegen vorher, was wir tun, wenn bestimmte Situationen eintreten.
initiativemeets: Sie trainieren also nicht nur den optimalen Ablauf?
Nicola Winter: Ganz im Gegenteil. Wir trainieren ausdrücklich auch den Moment, in dem der Plan nicht funktioniert. Im Hochschulkontext wäre das die Prüfungssituation, in der man das Blatt umdreht und eine Aufgabe sieht, die man nicht kennt. Entscheidend ist, diesen Moment mitzudenken und eine Handlungsstrategie dafür zu haben.
Nach dem Einsatz folgt immer ein Debriefing: Was lief gut? Was kann ich besser machen? Was hätte ich früher erkennen können? Die ersten Entscheidungen sind häufig nur mittelmäßig. Durch systematische Auswertung werden sie beim nächsten Mal etwas besser und schneller.
initiativemeets: Viele Organisationen dokumentieren „Lessons Learned“. Oft verschwinden diese Erkenntnisse anschließend in der Schublade. Was machen Sie anders?
Nicola Winter: Wir leiten daraus einen konkreten Plan ab und holen die Erkenntnisse vor dem nächsten Flug wieder hervor. Von zehn Punkten kann ich vielleicht zwei unmittelbar persönlich umsetzen. Über die anderen sprechen wir erneut. Wenn man diesen Prozess nicht fünfmal, sondern sehr häufig wiederholt, entwickelt sich eine trainierte Intuition. Intuition ist dann verlässlich, wenn sie auf Erfahrung und Übung beruht.
initiativemeets: Was können Unternehmen daraus für ihre langfristigen Ziele lernen?
Nicola Winter: Überall arbeiten Menschen, und Menschen funktionieren in vielen Bereichen ähnlich. In der Luftfahrt müssen wir bestimmte Dinge konsequent tun, weil die Folgen einer Entscheidung sehr schnell sichtbar werden. In Unternehmen zeigt sich die Wirkung möglicherweise erst nach Monaten oder Jahren. Dann ist oft schwerer nachzuvollziehen, welche Entscheidung welche Konsequenz hatte.
Deshalb halte ich Debriefings auch in Unternehmen für essenziell: Nach einem Projekt setzt sich das gesamte Team zusammen und fragt nicht, wer schuld ist, sondern was beim nächsten Mal besser laufen soll. Beim Start des nächsten Projekts müssen diese Erkenntnisse wieder auf den Tisch. So wird das Team mit jedem Vorhaben ein Stück besser.
initiativemeets: Wie sollte dabei über Fehler gesprochen werden?
Nicola Winter: Klar, direkt und trotzdem wertschätzend. In einem Debriefing kann es durchaus deutlich werden. Wir sprechen aber darüber, welche Handlung schlecht war, nicht darüber, dass ein Mensch schlecht ist. Man kann wertschätzend sehr direkt sein. Wenn Kritik so stark verklausuliert wird, dass niemand mehr versteht, was verbessert werden soll, hilft sie nicht.
initiativemeets: Bei Kampfjets denkt man zunächst an Hierarchien und Befehlsketten. Wie passen dazu Teamarbeit, Vertrauen und Empathie?
Nicola Winter: Sehr gut. Ein wichtiges Prinzip lautet „Führen mit Auftrag“. Wir stellen kluge, hervorragend ausgebildete Menschen ein. Sie anschließend wie Roboter im Detail zu steuern, wäre widersinnig. Stattdessen braucht es einen klaren Auftrag, ein Ziel sowie einen definierten Rahmen aus Zeit, Budget und Ressourcen. Innerhalb dieses Rahmens sollen die Menschen selbstständig Lösungen entwickeln.
Das ist gerade in dynamischen Situationen wichtig. Wenn jede Entscheidung über viele Ebenen rückversichert werden muss, dauert der Prozess zu lange. Die Entscheidung muss möglichst dort getroffen werden können, wo die relevanten Informationen eintreffen, also beispielsweise bei den Menschen, die direkt mit Kundinnen und Kunden oder Studierenden sprechen. Führung bleibt ansprechbar und setzt den Rahmen, greift aber nicht unnötig in jeden Schritt ein.
initiativemeets: Wie findet man in Unternehmen den richtigen Zeitpunkt für eine Entscheidung?
Nicola Winter: Im Cockpit kann ich einer Entscheidung nicht dauerhaft ausweichen. In Unternehmen lässt sich dagegen leicht noch ein weiteres Meeting ansetzen oder der Kreis der Beteiligten vergrößern. Das ist menschlich, denn wer entscheidet, übernimmt Verantwortung. Deshalb braucht es einen klaren Punkt: Wir haben definiert, welche Informationen wir benötigen, die passenden Fachleute gefragt und treffen jetzt die Entscheidung.
(v.l.n.r) Nicola Winter, Ado Nolte (NORDAKADEMIE Hochschule der Wirtschaft), Alexander Matzkewitz (Agentur „Medienkapitän“ und Stadtblog „Wir sind Elmshorn“) - © Jörg Böh
initiativemeets: Gilt diese Konsequenz auch für den Umgang mit Fehlern?
Nicola Winter: Ja. Kritik zu hören ist auch für uns unangenehm. Aber sie kann eine starke Motivation sein, es am nächsten Tag besser zu machen. Das Entscheidende ist, radikal offen über Fehler sprechen zu können und zugleich respektvoll zu bleiben.
Gerade für junge Flugschülerinnen und Flugschüler ist das anfangs hart. In ausführlichen Einzelgesprächen wird sehr konkret benannt, was nicht funktioniert hat. Mit der Zeit erkennt man: Wenn sich jemand diese Mühe macht, ist das echte Wertschätzung. Es geht darum, beim nächsten Versuch ein wenig besser zu werden.
Kritische Mitarbeitende können anstrengend sein, weil sie immer wieder auf Probleme hinweisen. Problematischer sind aber diejenigen, die Missstände sehen und längst aufgegeben haben. Wer echtes Interesse an einer Sache hat, äußert Kritik. Wenn man das verstanden hat, kann Kritik sehr wertvoll werden.
initiativemeets: Wir sind hier an einer Hochschule. Welche Eigenschaft sollten junge Menschen für ihre Zukunft besonders mitbringen?
Nicola Winter: Junge Menschen sind häufig deutlich besser als ihr Ruf. Was Schule und akademisches Leben aber nur begrenzt vermitteln können, ist der Umgang mit dem eigenen Scheitern. Wichtig sind Resilienz und die Fähigkeit, einen Fehler nicht sofort als Urteil über die eigene Person zu verstehen. Ich kann von mir überzeugt sein und trotzdem gelegentlich danebenliegen.
Hinzu kommt Eigenverantwortung. Nicht jede fremde Meinung muss den eigenen Weg bestimmen, auch nicht die gut gemeinte Einschätzung nahestehender Menschen. Erwachsene dürfen ihren eigenen Weg wählen und sollten bereit sein, dafür Verantwortung zu übernehmen.
initiativemeets: Wenn wir uns in fünf Jahren wiedersehen: Was würden Sie dann gern erzählen können?
Nicola Winter: Ich durfte bereits sehr viele außergewöhnliche Dinge erleben: Jets fliegen, Parabelflüge machen und heute Rettungshubschrauber fliegen. Vor wenigen Tagen wurde meine sechsjährige Tochter eingeschult. Wenn sie ihre ersten Schuljahre gut erlebt und wir zu Hause ein entspanntes Leben führen, wäre das für mich sehr viel wert.
Beruflich möchte ich im Hubschrauberfliegen weiterhin besser werden. Es gibt immer noch viel zu lernen. Und wenn es gelingt, Menschen zu helfen, die sonst vielleicht nicht rechtzeitig erreicht worden wären, wäre das etwas sehr Sinnvolles.
initiativemeets: Frau Winter, herzlichen Dank für das Gespräch.
Nicola Winter: Sehr gerne. Vielen Dank.
(v.l.n.r) Thorsten Stockfleth (Vorstandsvorsitzender Initiative Elmshorn e.V.), Nicola Winter, Anke Vogler (Vorstand NORDAKADEMIE) - © Jörg Böh
